Sprachen in der Sprache oder von Eau de Javel und La Javel
Ines Grau | 2025
Linguist:innen bezeichnen die Fähigkeit von Sprecher:innen, sich verschiedener Varietäten einer Sprache zu bedienen, als innere Mehrsprachigkeit; dies in Abgrenzung zur äußeren Mehrsprachigkeit, also dem gleichzeitigen Beherrschen mehrerer ausgebauter Kultursprachen. Weil sprachliche Variabilität vor allem ein Kennzeichen mündlichen Sprachgebrauchs ist, ist eine bewusste Wahrnehmung dieses Phänomens für qualitative Forschungskontexte, in denen gesprochene Sprache meist eine zentrale Rolle spielt, besonders interessant. Denn Varietäten ein- und derselben Sprache verweisen auf konkrete Lebenswelten. Mit Rückgriff auf die sprachwissenschaftliche Forschung zu innerer Mehrsprachigkeit veranschaulicht der Beitrag, auf der Basis des literarischen Werks der französischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, die lebensweltliche Verankerung von sprachlichen Varietäten und deren Einbettung in gesellschaftliche Machtverhältnisse. Diese Überlegungen werden anschließend im Kontext qualitativer Forschungssettings diskutiert, mit dem Ziel, die Wahrnehmung für die mit Sprache verbundenen Positionalitäten im Prozess des Fremdverstehens zu schärfen.
