D_10 Migrantische und minoritäre Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Transnationale und translokale Dimensionen
Projekte
- Standorte:
- Berlin, Bielefeld
- Fachdisziplinen:
- Geschichtswissenschaft , Psychologie , Soziologie , Erziehungswissenschaft
Abstract
Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist wichtig für Gesellschaften. Aber welche Gruppen werden beteiligt, und nach welchen Kriterien? Die Beziehung zwischen lokalen, nationalen und regionalen Zugehörigkeiten ist wichtiger denn je. Dies gilt besonders in Europa mit seiner Spannung von Vielfalt und Einheit. Wir untersuchen, wie Migrant:innen und Mitglieder von Minoritäten Konzepte gesellschaftlichen Zusammenhalts reflektieren, imaginieren und verhandeln.
Modul 1
untersucht sozialpsychologisch, wie Konzepte gesellschaftlichen Zusammenhalts transnational beeinflusst werden. Welchen Einfluss hat die tatsächliche und wahrgenommene Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe auf diese Konzepte? Zunächst untersuchen wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Minderheiten- und Mehrheitsgruppen in Deutschland. Anschließend analysieren wir, ob ethnische, nationale und supranationale (europäische) Identifikationen das Konzept des sozialen Zusammenhalts von Minderheiten prägen.
Modul 2
untersucht die Geschichte zweier diverser, „translokaler“ Städte, Thessaloniki und Berlin. Haben migrantische oder minoritäre Individuen, Selbstorganisationen oder Bündnisse im Laufe des bewegten 20. Jahrhunderts Visionen eines (gesamt-) gesellschaftlichen Zusammenhalts entwickelt? Und haben ihre Beiträge diese Städte als Einwanderungsgesellschaften geprägt?
Zu unserer Forschung gehören Interviews mit dem Praxispartner Multikulturelles Forum e. V. in Dortmund. Der Verein engagiert sich gegen die Exklusion und ideologische Radikalisierung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Zudem werten wir Daten aus Archiven und Museen systematisch aus. Unsere Quellen sind hierbei Presse- und Medienerzeugnisse, literarische und künstlerische Werke, Oral History Interviews, Ego-Dokumente und Fotografien.
Transferaktivitäten
Das Arbeitspaket trägt dazu bei, minoritäre und migrantische Perspektiven zu erkunden und sichtbar zu machen. Zu diesem Zweck kooperieren wir mit Akteur:innen der „Integrationsarbeit“: Kommunalvertreter:innen, Sprecher:innen von Diasporagemeinschaften sowie Selbstorganisationen, Initiativen und Lokalmuseen.
Das Arbeitspaket (AP) untersucht, welche zusammenhaltsrelevanten Identitäten und Vorstellungen Migrant:innen und Mitglieder von Minoritäten entwickeln und welchen Einfluss diese auf deren Vorstellungen und Praxen des gesellschaftlichen Zusammenhalts haben. Damit verbunden ist die Frage, welchen Einfluss dabei Ungleichheits- und Hegemoniewahrnehmungen und -verhältnisse sowie transnationale und translokale Identifikationsoptionen haben. Aufschluss dazu werden empirische Analysen mit Gruppen in der BRD sowie historisch und transnational vergleichende Untersuchungen geben. Dies ermöglicht einen interdisziplinären Austausch darüber, wie Gegenkulturen und hegemoniale Kulturen interagieren, zusammenhängen oder in Konkurrenz treten – in unterschiedlichen Kontexten und in Bezug auf unterschiedliche Diversitätsmarker und Wirkungsfelder. In Frage steht dabei, wo in diesem dynamischen Prozess Konzepte gesellschaftlichen Zusammenhalts reflektiert, imaginiert und verhandeln werden.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein umstrittenes und konfliktreiches Konzept insbesondere für jene Gruppen, die weniger Zusammenhalt erfahren, weil sie nicht per se als zugehörig zu einer Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden. Der Zusammenhalt wird zudem in einem Prozess der Aushandlung entwickelt und ist weniger als ein Endergebnis oder Zustand zu begreifen. In diesem Sinne wird Zusammenhalt von minoritären Gruppen in einem diskursiven Konflikt zwischen hegemonialen und Gegennarrativen innerhalb einer Gesellschaft entwickelt. Dies gilt in besonderer Weise für soziale Gruppen, die weniger Einfluss auf die Politik und weniger Interaktion mit der Mehrheitgesellschaft haben, wozu (Post-)Migrant:innen oder „Ausländer“ im Besonderen gehören. Sie erfahren oft nur einen partiellen Zusammenhalt, obwohl die Mehrheitsgesellschaft von ihnen einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt erwartet. Der partielle Zusammenhalt ist in Krisenzeiten oder Zeiten hoher Unsicherheiten und damit verbundener sozialer Instabilitäten zu erwarten, da Krisenzeiten nach unseren Analysen dazu neigen, dass die Mehrheitsgesellschaft ein exklusives Konzept von Zusammenhalt einfordert und migrantische Gruppen vom Zusammenhalt ausschließt. In solchen Zeiten kommt es auf die Optionen an, die migrantische und minoritäre Gruppen haben, Zusammenhalt herzustellen und an ihm teilzuhaben. Neben der Möglichkeit, sich mit einem Nationalstaat (Deutschland) zu identifizieren, haben sie auch die Option, sich mit der ethnonationalen Gruppe oder der Herkunftsregion zu identifizieren und den Zusammenhalt an dieser Identität auszurichten. Eine weitere Option kann aber auch darin bestehen, sich auf einen übergeordneten, in diesem Fall supranationalen, Zusammenhalt zu konzentrieren, wie ihn der europäische Zusammenhalt bietet.
Das erste Hauptziel des AP ist, empirisch zu analysieren, wie migrantische Gruppen den gesellschaftlichen Zusammenhalt wahrnehmen, welchen Zusammenhalt sie erleben und welchen Modus sie wählen. Untersucht werden dabei besonders die sozialen Repräsentationen von gesellschaftlichem Zusammenhalt sowie die Erfahrung von Integrität als Gruppe. Die Analysen richten sich dabei auf den innergesellschaftlichen Zusammenhalt. Das zweite Hauptziel erweitert diesen Fokus um eine historische Dimension. Dabei stehen Vorstellungen von Zusammenhalt der Gesellschaft als Ganzes, die migrantische und minoritäre Gruppen, wie z.B. die jüdische Gemeinschaft, angesichts multipler hegemonialer und teilweise gewaltvoller exkludierender Verhältnisse entwickelt haben, im Fokus. Dabei soll es auch um die Frage gehen, ob und wie es derartige Vorstellungen geschafft haben, zum Teil der Hegemonialkultur zu werden oder diese gar grundlegend zu transformieren. Dieser Konnex soll skaliert untersucht werden: Von zwei diversen, „translokalen“ Städten ausgehend, wie sie Thessaloniki und Berlin darstellen, soll für das 20. Jahrhundert schlaglichtartig untersucht werden, a) ob und wie einzelne migrantische/minoritäre Individuen, Selbstorganisationen oder Bündnisse im Kampf um Teilhabe und Gleichberechtigung vor Ort auch Visionen/Ideen eines allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhalts entwickelt haben und wie diese aussahen. Es soll b) ermittelt werden, ob und wie diese Beiträge auf dem lokalen, nationalen, translokalen/-nationalen Level rezipiert und gar wirksam wurden. Und schließlich fragt sich c), ob dies dazu beigetragen hat, diese Städte erst zu translokalen Orten zu transformieren, und ob sich Translokalität als eine besondere Form eines gesellschaftlichen Zusammenhalts betrachten lässt.
Principal Investigators
Laufzeit, Themen- und Forschungsfelder
Laufzeit:
06/2024-05/2029
Termine
- London
Vera Anstey Room, Old Building, London School of Economics and Political Science, LondonAusländer in postwar Germany
Part of the conference „After the Catastrophe: Antisemitism, Racism and Bio-Politics in Post-War Europe“ organized by the German Historical Institute in collaboration with the Birkbeck Institute for the Study of Antisemitism, the London School of Economics and Political Science, and the Gerda Henkel Foundation. - Online
Conceptions of Social Cohesion: Comparing Migrant and Majority Perspectives in Germany
Vortrag im Rahmen des FGZ Dateninfrastruktur-Brownbag-Seminars - Tutzing
Akademie für Politische Bildung, Buchensee 1, 82327 TutzingEine andere Zeitgeschichte oder eine Zeitgeschichte der Anderen? Migrantische Perspektiven und die Ressource Geschichte
Vortrag im Rahmen der Tagung „Neue Heimat Deutschland: Migrationsgeschichte von 1949 bis 1990. Historische und didaktische Zugänge“ - Berlin
Spore Intiiative Berlin, Hermannstraße 86, 12051 Berlin-NeuköllnWissen zu Race und Doing racism: Die lange Geschichte des Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland
- Online
Zusammenhalt in unserer widerwilligen Einwanderungsgesellschaft. Einblicke in die aktuelle Forschung
Vortrag im Rahmen der Online-Reihe „Streiten verbindet“ der Sanctclara Mannheim und der Evangelischen Landeskirche in Baden - TU Berlin
TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, 10623 BerlinGrundbegriffe und Forschungsschwerpunkte zu kulturellen Dynamiken des Zusammenhalts
Themenfeld D Jahreskonferenz 2025 - Mannheim
Nationaltheater Mannheim, Studio Werkhaus, Mozartstraße 9-11, 68161 MannheimDas Haymatministerium - 5 Jahre nach Hanau - was heißt Erinnern?
Publikationen am FGZ
Projekte
Praxispartner:innen
- Multikulturelles Forum e.V. (Dortmund)
- FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum (Berlin)


