Milieukonflikte um Geschlecht?
Der Vortrag stellt einen Aufsatzentwurf zu Milieukonflikten um Geschlecht vor, der im Anschluss diskutiert wird.
In der Debatte um Gefährdungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist die These einer politischen Polarisierung zwischen zwei konfligierenden soziokulturellen Gruppen weit verbreitet: kosmopolitischen Modernisierungsbefürwortern und kommunitaristischen Modernisierungsgegnern. Auch Geschlechterfragen werden in diesem Zusammenhang kontrovers diskutiert, insbesondere im Rahmen identitätspolitischer Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern von Geschlechtergleichheit und -vielfalt einerseits und Vertretern traditioneller, häufig rechtspopulistisch geprägter Geschlechterordnungen andererseits (Hark & Villa, 2017b; Sauer, 2020). Neuere Ansätze plädieren jedoch für eine differenziertere Betrachtung soziokultureller Gruppen (Mau et al., 2023).
Zur Analyse latenter Konflikte zwischen großen soziokulturellen Gruppen im Bereich Geschlecht greift der Beitrag auf einen milieutheoretischen Ansatz zurück und entwickelt die sogenannten RISC-Milieus. Soziale Milieus werden als alltagsweltlich verankerte, latente Großgruppen mit ähnlicher sozioökonomischer Lage und kulturellen Wertorientierungen verstanden. Die zentrale These lautet, dass Milieus je nach soziokultureller Positionierung spezifische Einstellungen zu Geschlechterfragen ausbilden und sich in unterschiedlichem, teils konflikthaftem Ausmaß voneinander abgrenzen.
Empirisch erfolgt dies in zwei Schritten: Erstens wird auf Basis latenter Klassenanalysen der ersten Welle des Social Cohesion Panels eine Typologie von acht RISC-Milieus für Deutschland entwickelt (Sachweh et al., 2025). Diese basiert auf Bildung und Einkommen sowie auf den von Schwartz (1992) identifizierten Basiswerten. Zweitens werden die Milieus hinsichtlich ihrer Einstellungen zu Geschlechterfragen verglichen. Dabei wird die Mehrdimensionalität von Geschlecht berücksichtigt, indem Einstellungen zu Geschlechterrollen, insbesondere zur Arbeitsteilung in Erwerbsarbeit, Haushalt und Kindererziehung, sowie zu geschlechterpolitischen Fragen, etwa zu sexueller Orientierung und nicht-binären Identitäten, erfasst werden. Zudem werden geschlechtsspezifische Einstellungsunterschiede innerhalb der Milieus analysiert. Auf diese Weise werden politische Spannungen als latente soziale Konflikte zwischen soziokulturellen Gruppen differenziert erfasst und die Polarisierungsthese weiter ausdifferenziert.
Veranstaltungen
- Adresse
- FGZ Standort Hamburg, Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Bredow- Institut, Rothenbaumchaussee 36, 20148 Hamburg
- Teilnahme
- Die Teilnahme ist frei. Anmeldung erfolgt per E-Mail.
- Schlagworte
- Gender, Identitätspolitik, Polarisierung, Populismus, Ungleichheit
- Themenfeld(er)
- B: Sozioökonomische Status- und Verteilungsordnungen , Gesellschaftliche Spaltungen: Effekte von Status- und Verteilungsordnungen auf Zusammenhalt
- Zielgruppe
- Wissenschaft

