Identitätspolitik – Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Themenfeld D - Jahreskonferenz 2026

Platzhalterbild
Berlin

Spaltung oder notwendige Antwort auf Marginalisierung? Eine Konferenz zu Machtverhältnissen, Nationalismus und der Rolle von Identitätspolitik für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Identitätspolitik ist schuld – so heißt es seit einiger Zeit immer wieder: Schuld am Niedergang der Linken, am Aufstieg der Rechten, an Spaltung und Polarisierung, an der Erosion von gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Identitätspolitik hat allerdings eine lange und umstrittene Geschichte: 

  • So ist zu bedenken, dass die derart kritisierte Identitätspolitik seit den 1970er Jahren als bewusste Praxis in Schwarzen, antirassistischen, feministischen und queeren Zusammenhängen entwickelt wurde, um Marginalisierungserfahrungen artikulier- und sichtbar zu machen – Erfahrungen, die erst vor einigen Jahren im sogenannten Westen größere gesellschaftliche Anerkennung fanden. 
  • Zugleich war die heute weithin als „woke“ verschriene identitätspolitische Praxis letztlich die Reaktion auf eine andere Form von Identitätspolitik, die als solche aber meist ungenannt bleibt: die lange Geschichte des Nationalismus in seiner Verschränkung mit Rassismus und Sexismus, die eben auch als „nationale Identitätsgeschichte“ der jeweils dominanten gesellschaftlichen Gruppe und damit als Identitätspolitik aufgefasst werden kann. Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig, dass die gegenwärtigen Angriffe auf „woke“ Identitätspolitik meist selbst von einer identitär hoch aufgeladenen Position aus erfolgen, sei es einer patriarchalen, autochthonen, heterosexuellen, weißen oder christlichen, ohne diese Tatsache zu benennen oder auch nur zu erkennen.
  • Schließlich war selbst die Klassenpolitik der Arbeiter*innen-Bewegung vor allem des 19. Jahrhunderts, die laut dem oben skizzierten Schuldnarrativ durch die Identitätspolitik der Neuen Linken ersetzt worden sei, bereits identitätspolitisch fundiert.

In den Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften wird seit langem debattiert, ob Kollektive gemeinsame Identitäten oder Identitätstypen notwendigerweise brauchen, um sich zu stabilisieren und zu legitimieren oder um politische Rechte zu erlangen oder zu sichern. Die Tagung fragt im Anschluss daran nach dem Verhältnis zwischen Identitätspolitik und gesellschaftlichem Zusammenhalt. 

Dabei will sie einfache Schuldzuweisungen vermeiden und die Frage nach Herausforderungen in verschiedenen Perspektiven auffächern: Was ist unter Identitätspolitik in verschiedenen historischen Zeiten und Regionen zu verstehen? Wie verhält sich Identitätspolitik allgemein zu gesellschaftlichem Zusammenhalt? Welche Rolle spielen Machtverhältnisse in diesem Zusammenhang? Inwiefern schaffen exklusive Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenhalt, die mit Marginalisierungsdynamiken einhergehen, die Voraussetzung für Identitätspolitik? Kann es demokratischen Zusammenhalt ohne Identitätspolitik geben, oder: Wie genau müsste demokratischer Zusammenhalt beschaffen sein, der jegliche Form von Identitätspolitik obsolet werden ließe? Wie müsste Identitätspolitik beschaffen sein, die demokratischen Zusammenhalt ermöglicht?

 

Keynote: Lukas Reinhardt (Centre for the Study of Social Cohesion, Oxford University): „Geteilte Menschlichkeit und die Idee der globalen Familie“

 

Das genaue Konferenzprogramm folgt demnächst.

Veranstaltungen

Address
TU Berlin, Zentrum für Antisemitismusforschung, Kaiserin-Augusta-Allee 104-106, 10533
Teilnahme
Die Konferenz ist öffentlich und die Teilnahme kostenfrei. Um Anmeldung wird gebeten. Das Anmeldeformular steht hier ab Juni zur Verfügung.
Schlagworte
Identitätspolitik
Themenfeld(er)
D: Kulturelle Dynamiken des Zusammenhalts

Kontakt

Arbeitspakete

D_01
Mehrere Standorte
Culture Wars und Moralismus-Kritik: Kämpfe um Werte und Identitäten
» Projektbeschreibung
» zurück zur Veranstaltungsübersicht