Wie können wir die Erfahrungen, die wir als Gesellschaft in der Pandemie gesammelt haben, heute und in Zukunft nutzen?
Unter dieser Leitfrage bezog Berthold Vogel (Standortsprecher FGZ Göttingen) vor der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ des Deutschen Bundestags öffentlich Stellung.
Mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auf die Krisenresilienz im Allgemeinen plädiert er dafür, die Pandemie als wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Lernraum zu fassen: Die Pandemie wirkte wie ein Vergrößerungsglas, das die gesellschaftlichen Defizite, Brüche, Fragmentierungen und die soziale Ungleichheit verdeutlichte. Sie provozierte Konflikte in Familien und Arbeitsumfeldern, führte zu Einsamkeit und Misstrauen.
In seiner Stellungnahme hob Berthold Vogel jedoch explizit hervor, dass die Pandemie als Lernraum aber auch die Stärke und positive Energie, die gesellschaftlich vorhanden sei, gezeigt habe. Nicht zu vergessen seien hier die Solidaritäts- und Arbeitsleistungen, die von jungen Menschen, aber auch von Betrieben wie dem Handwerk erbracht wurden. Das Thema Wert und Würde der Arbeit habe durch die Pandemie neue Aufmerksamkeit bekommen; Berufe der öffentlichen Versorgung seien als systemrelevant aufgewertet worden.
Auch Familien seien nicht allein unter dem Aspekt der Vulnerabilität zu betrachten, sondern vor allem durch ihre Stärken, die sie in ihrer Aktionsfähigkeit bewiesen hätten. Die Pandemie habe daher ein erhebliches Maß an Improvisationstalent und -potenzialen sichtbar gemacht – auch in der öffentlichen Verwaltung.
Diese Potenziale und Stärken seien zu würdigen und könnten als Schritt zu mehr Vertrauen in Staat und Politik ihren Ort in der Enquete-Kommission finden.
Um den Zusammenhalt zu stärken und die Gesellschaft für künftige pandemische Ereignisse resilienter zu machen, hält Berthold Vogel insbesondere fünf Punkte in seinen Empfehlungen fest:
- Kommunikation verbessern: Die wissenschaftliche und politische Kommunikation muss von ungleichen, widersprüchlichen und konfliktreichen Erfahrungen in der Gesellschaft ausgehen. Dies gilt in der Pandemie, aber auch bei Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Die Kommunikation muss zielgruppenspezifisch sein, unterschiedliche Formate wählen und eine verständliche Sprache pflegen.
- Mehr Interdisziplinarität in der Wissenschaft: In der Pandemie waren gesellschaftswissenschaftliche und ethische Fragen zu lange im Hintergrund. Es gab zu wenig disziplinübergreifende Forschung und Kooperation. Dies muss mehr gefördert werden.
- Gesundheit systematisch als Teil öffentlicher Daseinsvorsorge fördern: Gesundheit als soziale Frage zu verstehen bedeutet, auch der betrieblichen Gesundheitsvorsorge, der Gestaltung der Wohnverhältnisse und der räumlichen Mobilität mehr Aufmerksamkeit zu geben.
- Soziale Orte schaffen, die das Gemeinwesen und das Vertrauen auf die Gestaltungsfähigkeit der Gesellschaft stärken: Es braucht Kooperation und Austausch vor Ort. Eine präventive und innovative Daseinsvorsorge muss im Lokalen ansetzen.
- Kommunen stärken: Wir brauchen starke und arbeitsfähige Kommunen. Die Menschen erleben Gesellschaft aus ihren kommunalen Kontexten heraus. In den Kommunen liegt der Ausgangspunkt für gleichwertige Lebensverhältnisse, für die Stärkung von Bindekräften durch Zivilgesellschaft und lokale Wirtschaft.
Die vierstündige öffentliche Anhörung der Enquete-Kommission am 21.09.2026 zum Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt, soziale Ungleichheit und vulnerable Gruppen“ mit Berthold Vogels Stellungnahme im Deutschen Bundestag können Sie hier nachsehen.
Weitere Informationen zur Expertendiskussion zu sozialer Ungleichheit in der Pandemie: Link
Berthold Vogels schriftliche Stellungnahme als Sachverständiger der öffentlichen Anhörung „Gesellschaftlicher Zusammenhalt, soziale Ungleichheit und vulnerable Gruppen“ findet sich hier.
Im Rahmen der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie war Berthold Vogel das zweite Mal zu Gast. Zuvor brachte er seine Expertise und Stellungnahme bereits am 09.07.2026 in einem nicht-öffentlichen Fachgespräch zum Thema „Die Rolle der betrieblichen Akteure, Führungskräfte und Sozialpartner“ in Berlin ein. Hier war er Sachverständiger der Arbeitsgruppe „Wirtschaft und Arbeit, Wirtschaftshilfen, Versorgung und Verfügbarkeiten“.