Das gesellschaftliche Miteinander wiederherstellen, die Demokratie bewahren

Interview mit Christi van der Westhuizen, derzeit Fellow am FGZ

Christi van der Westhuizen, derzeit Fellow am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, ist Professorin für Soziologie an der University of the Western Cape in Südafrika. Im Interview spricht sie über alltägliche Praktiken des sozialen Zusammenhalts, den Widerstand gegen Polarisierung und darüber, wie Gemeinschaften Vertrauen über soziale Grenzen hinweg aufbauen können.

 

Ihre Forschung konzentriert sich darauf, wie Menschen in ihrem Alltag mit Vielfalt umgehen. Was hat Ihr Interesse daran geweckt, zu untersuchen, wie Menschen es schaffen, „gut zusammenzuleben“?

Ich habe mich über viele Jahre hinweg intensiv mit den historischen Faktoren und Kräften beschäftigt, die zu unterdrückerischen kolonialen Strukturen und Systemen in Südafrika geführt haben, insbesondere in Form der Apartheid. Außerdem habe ich den Übergang von der Apartheid und die Versuche, ein demokratisches Südafrika aufzubauen, untersucht sowie die Möglichkeiten für die vollständige Inklusion und Anerkennung von Menschen, die zuvor entmenschlicht wurden.

Ich habe zwei Monografien verfasst: „White Power and the Rise and Fall of the National Party“ und „Sitting Pretty: White Afrikaans Women in Postapartheid South Africa“, und mehrere Sammelbände herausgegeben, darunter das „Routledge Handbook of Critical Studies in Whiteness“. Zuletzt haben wir gemeinsam mit meinen Kolleg:innen hier an der Universität Leipzig, Dr. Constanze Blum und Prof. Dr. Ulf Engel, das „Routledge Handbook of Social Cohesion in Africa“ veröffentlicht. Außerdem habe ich weitere Bücher veröffentlicht, wie zum Beispiel „The D Word – Perspectives on Democracy in Tumultuous Times“, sowie mehrere Zeitschriftenartikel, die sich mit all diesen historischen Phänomenen befassen. 

Mein Fokus lag auf der strukturellen Ebene und auf der Ebene des Individuums bzw. des Subjekts, um zu verstehen, wie Menschen als historische Akteure von bestimmten Ideologien überzeugt werden und wie sie Unterschiede auf unterdrückerische Weise nutzen, die für zwischenmenschliche Beziehungen destruktiv ist. Aber Menschen tun auch das Gegenteil: Sie mobilisieren und bilden Bewegungen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen und dafür, dass sie als vollwertige Menschen anerkannt werden.

Während meiner Zeit als Gastprofessorin hier an der Universität Leipzig im Jahr 2022 traf ich Prof. Lori Beaman von der Universität Ottawa, und wir sprachen ausführlich darüber, wie Menschen sich gegen Versuche der Polarisierung wehren. Lori hat das Konzept der „tiefen Gleichheit“ entwickelt, das sich auf alltägliche Praktiken des guten Zusammenlebens bezieht. In Südafrika haben wir Konzepte wie Non-Racialism, Ubuntu und Versöhnung, bei denen es um Verbundenheit und die gegenseitige Anerkennung der Menschlichkeit geht. Sie beinhalten Prozesse und Praktiken, sich miteinander zu verbinden und gemeinsam Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Dies veranlasste mich, bei der Trans-Atlantic Platform einen erfolgreichen Förderantrag mit dem Titel „Repairing Sociality, Safeguarding Democracy“ (Social Repair) einzureichen, bei dem ich als leitende Projektleiterin fungiere. Meine Mitforschenden sind Prof. Beaman (Universität Ottawa), Prof. Bheki Mngomezulu (Nelson-Mandela-Universität), Prof. Thabisani Ndlovu (Walter-Sisulu-Universität), Prof. Paula Montero (Staatliche Universität São Paulo) und Prof. Lella Nouri (Universität Swansea).

Ein Großteil der aktuellen Debatte konzentriert sich auf Polarisierung, soziale Konflikte und demokratischen Rückschritt. Warum halten Sie es für ebenso wichtig, Zusammenarbeit und alltägliche Praktiken des Zusammenlebens zu untersuchen?

Wie wir wissen, prägt Macht alle menschlichen Beziehungen. Bei der derzeit weltweit zu beobachtenden Zunahme polarisierender Politik geht es vor allem um die Wiederherstellung von Machtstrukturen, die alte Hierarchien in Bezug auf Geschlecht, Sexualität, race, ethnische Zugehörigkeit und Nationalität wieder einführen – Hierarchien, die unterdrückend sind und bestimmten Menschen ihre volle Menschlichkeit absprechen. Mein Interesse gilt nicht nur den Prozessen, durch die unterdrückerische Strukturen entstehen, sondern auch der Frage, wie Menschen sich gegen Unterdrückung wehren. Dabei schließe ich mich Denker:innen wie Judith Butler, Ernesto Laclau und Michel Foucault an, die theoretisieren, dass Macht niemals einfach eine Frage von Zwang ist. Sie beinhaltet immer die Entscheidung zwischen Zustimmung und Widerstand. Daher kann Macht, wann immer sie ausgeübt wird, auch mit Widerstand begegnet werden. Durch Konzepte wie non-racialism, ubuntu und Versöhnung haben die Südafrikaner:innen Wege gefunden, Prozesse der kolonialen „Othering“-Praxis zu überwinden, wie der ugandische Wissenschaftler Mahmood Mamdani geschrieben hat.

Natürlich haben wir intensiv gekämpft, und man kann beobachten, wie alte Denkmuster wieder auftauchen. Institutionalisierter Rassismus in Form des Apartheid-Systems hat die Menschen dazu gebracht, in rassistischen Denkmustern zu verharren. Bei der Afrophobie sehen wir also eine Situation, in der Südafrikaner:innen zu dem zurückkehren, woran sie sich unter der Apartheid gewöhnt hatten. Es handelt sich um eine gefährliche Mischung aus Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, bei der afrikanische Menschen andere afrikanische Menschen aktiv diskriminieren. Wie ich in einem Artikel für die Zeitschrift „Comparativ“ dargelegt habe, ist Afrophobie eine Fortsetzung der rassistischen Logik der Apartheid.

Fremdenfeindlichkeit, einschließlich Afrophobie, ist weltweit ein Ausdruck kultureller Politikformen, bei denen Eliten versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass das Problem darin besteht, dass ihre Art, in der Welt zu sein und zu handeln, durch Ausländer:innen bedroht sei. Wir beobachten das Phänomen, dass die Lebensgrundlagen für jüngere Generationen heute schlechter sind als für ältere Generationen, sodass die Menschen nicht denselben Lebensstandard haben werden wie ihre Eltern und Großeltern. Politische Eliten versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass dies auf kulturelle Lebensumstände zurückzuführen sei, doch in Wirklichkeit geht es um eine besonders zerstörerische Form des Kapitalismus. Der neoliberale Kapitalismus hat sich in eine offen autoritäre Phase entwickelt, gestützt durch faschistische Politik, um Reichtum und Macht in den Händen eines winzigen Bruchteils des berüchtigten „einen Prozents“ zu konzentrieren. Das Kapital wurde nach oben verlagert, weg von den unteren Schichten der Gesellschaft. Vor allem Menschen aus der Mittelschicht spüren diesen Druck. Doch dies schafft auch die Chance für neue Formen der Politik.

Ihr Projekt befasst sich mit der Frage, wie lokale, alltägliche Praktiken zur Stärkung der Demokratie und zum Aufbau von Vertrauen beitragen können. Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie solche Praktiken aussehen könnten?

In Südafrika haben wir einen allgemeinen Verfall des Staates durch Misswirtschaft und Korruption seitens der Partei beobachtet, die das Land seit 1994 regiert, dem African National Congress. Dies hatte verheerende Auswirkungen in Form einer Verschlechterung der Infrastruktur, was unter anderem zu Gesundheitsrisiken führte, wie zum Beispiel dem Wiederauftreten von Cholera in bestimmten Gebieten, weil die Wasserinfrastruktur nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert. Ungeklärtes Abwasser gelangt landesweit ins Trinkwasser. Südafrika erlebte zudem mehrere Jahre lang wiederkehrende Stromausfälle, bei denen kein Strom mehr zur Verfügung stand. An vielen Orten kommt es nach wie vor zu ständigen Ausfällen. Diese haben Folgewirkungen auf die veraltete und nicht gewartete Strominfrastruktur sowie auf andere damit verbundene Infrastrukturen, darunter wiederum die Wasserversorgung. Die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sind auf funktionierende Stromversorgung für die Pumpen in Kläranlagen angewiesen. Die Gemeinden auf lokaler Ebene mussten Wege finden, zusammenzuarbeiten, um das Vakuum zu füllen, das der Staat hinterlassen hat. Auf kommunaler Ebene zeichnen sich erste Ansätze für eine Zusammenarbeit über race- und Klassengrenzen hinweg ab, um diese schwierigen Probleme anzugehen.

Wir hatten das Problem, dass die räumlichen Strukturen der Apartheid fortbestehen. Unter der Apartheid waren die Menschen nach rassistischen Kriterien getrennt. Heute sind die ehemals weißen Mittelschichtviertel zwar integrierter geworden, doch die armen Viertel sind nach wie vor überwiegend von Schwarzen bewohnt. Was die Demokratie jedoch nicht überwinden konnte, könnte der Verfall staatlicher Strukturen möglicherweise bewirken. Man kann nicht in seiner Apartheid-Blase bleiben, wenn um einen herum Dienstleistungen und Infrastruktur zusammenbrechen. Dies schafft die Möglichkeit für Menschen, zusammenzuarbeiten. Es sind viele lokale Initiativen entstanden, in denen Menschen über race- und Klassengrenzen hinweg zusammenkommen, um die Infrastruktur zu reparieren und ihre Gemeinden zu besseren Lebensräumen zu machen. Dabei entstehen Kooperationen und Verbindungen, die es zuvor nicht gab. Genau das untersuchen wir in der südafrikanischen Studie. Wir werden dies mit den Ergebnissen der übrigen „Social Repair“-Fallstudien in Kanada, Brasilien und Großbritannien vergleichen.

Was hoffen Sie, während Ihrer Zeit als Fellow am FGZ zu erforschen, und worauf freuen Sie sich besonders im Austausch mit den Forschenden hier?

Ich freue mich besonders darauf, im Rahmen der Jahreskonferenz des FGZ einen Vortrag zu halten, bei dem ich einige meiner aktuellen Forschungsergebnisse präsentieren und zur Diskussion stellen werde. Während meines Aufenthalts haben wir – zusammen mit Dr. Blum und Prof. Dr. Engel, meinen beiden Mitherausgeber:innen des „Routledge Handbook of Social Cohesion in Africa“ – das Buch an der Universität Basel auf der gemeinsamen Tagung des schweizerischen und deutschen Afrikanistikverbands vorgestellt. Diese fand Ende August statt. Außerdem gab es eine Buchvorstellung bei der African Studies Association of the UK, die Anfang September an der Universität Durham stattfand. Das Buch wurde bisher sehr positiv aufgenommen. Unser Routledge-Handbuch beleuchtet den sozialen Zusammenhalt aus der Perspektive afrikanischer Erkenntnistheorien sowie in Form von Politik, Institutionen, Prozessen und Praktiken. Wir freuen uns sehr darüber, dass wir gemeinsam mit unseren über 50 beitragenden Autor:innen den Blickwinkel auf gesellschaftlichen Zusammenhalt über westliche Vorstellungen hinaus erweitern.

Vielen Dank für Ihre Zeit! Wir wünschen Ihnen noch einen erfolgreichen Aufenthalt hier in Leipzig!

 

 

Christi van der Westhuizens Vortrag im Rahmen der FGZ-Jahreskonferenz findet am 17. September 2026 von 18 bis 19 Uhr statt (auf Englisch). Der Livestream wird bei YouTube übertragen. 

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