Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Teilhabeerfahrungen und Teilhabeerwartungen von Menschen mit Beeinträchtigung

Jan-Hinrik Schmidt, Milena Braun  | 2026

Gesellschaftlicher Zusammenhalt bildet die Grundlage dafür, dass Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft friedlich, respektvoll und sicher miteinander leben können. Er entsteht dort, wo Menschen sich zugehörig fühlen, Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen haben und darauf bauen können, dass die Regeln des Zusammenlebens anerkannt, eingehalten und fair durchgesetzt werden. Damit ist gesellschaftlicher Zusammenhalt zugleich Voraus-

setzung für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen und für gleichberechtigte Teilhabe

aller Menschen – unabhängig von ihren individuellen Lebenslagen. Für viele Menschen mit Beeinträchtigung stellt sich diese Ausgangslage jedoch anders dar. Sie erleben in zahlreichen Bereichen ihres Alltags Barrieren, Ausgrenzung und Diskriminierung und machen daher nicht immer die Erfahrung von Zugehörigkeit, Anerkennung und Verlässlichkeit. Gerade deshalb sind ihre

Perspektiven auf gesellschaftlichen Zusammenhalt besonders aufschlussreich. Sie zeigen, an welchen Stellen Zusammenhalt im Alltag gelingt – und wo er aus Sicht einer besonders sensiblen Bevölkerungsgruppe an Grenzen stößt. Erfahrungen mit Einbindung oder Ausschluss, mit Unterstützung oder fehlender Hilfe sowie mit demokratischer Teilhabe prägen nicht nur das individuelle Erleben, sondern auch Vorstellungen davon, wie gutes gesellschaftliches Zusammen-

leben idealerweise aussehen sollte. Der vorliegende Forschungsbericht stellt die Erfahrungen, Bewertungen und Erwartungen von Menschen mit Beeinträchtigung systematisch in den Mittelpunkt.

Er untersucht, wie diese den Zusammenhalt in ihrem unmittelbaren Sozialraum erleben – etwa in Familie,Freundeskreis, Nachbarschaft, Vereinen, Arbeitswelt oder digitalen Räumen – und welche Rolle persönliche Unterstützungsnetzwerke dabei spielen. Zugleich wird analysiert, in welchem Maße sich Menschen mit Beeinträchtigung gesellschaftlich und politisch engagieren und welchen Beitrag sie selbst zum Zusammenhalt leisten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Werten und Idealvorstellungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Welche normativen Leitbilder – etwa im Spannungsfeld zwischen Selbstentfaltung und sozialer Ordnung, zwischen Vielfalt und Normbindung oder zwischen Nähe und Autonomie – prägen ihr Verständnis eines guten Zusammen-

lebens?

Darüber hinaus beleuchtet der Bericht, wie stark Menschen mit Beeinträchtigung den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt als gefährdet wahrnehmen und wie sie die Demokratie in Deutschland bewerten. Dabei zeigt sich eine hohe Zustimmung zur Demokratie als politischer Idee, gleichzeitig aber auch Skepsis gegenüber ihrem aktuellen Funktionieren. Ergänzend wird untersucht, welchen gesellschaftlichen Institutionen Menschen mit Beeinträchtigung Vertrauen ent-

gegenbringen und welchen Beitrag sie diesen Akteuren – etwa Sportvereinen, Medien, Parteien oder staatlichen Einrichtungen – zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zuschreiben. Der vorliegende Forschungsbericht stellt die zentralen Ergebnisse einer Befragung in der Teilhabe-Community vor. Dieses Befragungspanel, bestehend aus Menschen mit Beeinträchtigung, hat die Aktion Mensch gemeinsam mit dem Markt- und Sozialforschungsinstitut Ipsos entwickelt. Die Ergebnisse zur Gesamtbevölkerung stammen aus der repräsentativen „Zusammenhaltsstudie“, die das Leibniz-Institut für Medienforschung, das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt und mindline media gemeinsam mit ARD, ZDF und Deutschlandradio im Frühjahr 2025 durchgeführt haben (Schmidt / Storll 2026). Die Aktion Mensch durfte Teile der Befragung in der Teilhabe-Community,

einem Befragungspanel, bestehend aus Menschen mit Beeinträchtigung, durchführen. Milena Braun und Jan-Hinrik Schmidt vom Hamburger Standort des Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das am Leibniz-Institut für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut) angesiedelt ist, haben die Ergebnisse der Repräsentativbefragung und die Befragung in der Teilhabe-Community vergleichend ausgewertet, wissenschaftlich eingeordnet und den vorliegenden Forschungsbericht verfasst. Bei der Interpretation der Ergebnisse sowie bei der redaktionellen Ausarbeitung wurden die Autor:innen durch das Sozialforschungsteam der Aktion Mensch unterstützt. Der Bericht macht sichtbar, wie Menschen mit Beeinträchtigung den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland erleben, welche Werte und Erwartungen sie mit einem gelingenden Zusammenleben verbin-

den. Zudem regt er dazu an, darüber nachzudenken, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit sie sich als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft wahrnehmen können.

Publications

Date
15.06.2026
Language
German
Publication Type
Report
Sources
Schmidt, Jan-Hinrik und Milena Braun. 2026. Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Teilhabeerfahrungen und Teilhabeerwartungen von Menschen mit Beeinträchtigung. Aktion Mensch.
Open Access
Available

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